Interview mit Melkus-FTS

Wer aus der Motor- Steuerungs- und Antriebstechnik kommt, der muss nicht zwangsläufig auch eigene Fahrzeuge, sprich FTS Fahrerlose Transportfahrzeuge bauen. Doch der Automatisierungsexperte Andreas Melkus ist  2014 mit Melkus Mechatronic in diesen Markt eingestiegen. Wir sprechen mit dem Firmengründer über seine Motivation und die Perspektiven für FTS.

  • Was waren die Beweggründe als einer der drei Inhaber von Sigmatek in das doch „weiter entfernte Produktportfolio FTS“ einzusteigen?

Die Idee der automatisierten Transportfahrzeuge hat mich fasziniert. Mit meinem geballten technischen Know-how und meinen guten Beziehungen zu Sigmatek habe ich die Möglichkeit erkannt, solche Fahrzeuge am höchsten Stand der Technik als integrierte mechatronische Lösung zu entwickeln. Melkus Mechatronic ist eine komplett eigenständige Firma.

  • Es gibt zahlreiche FTS-Spielarten vom Unterfahr-FTS bis zum freitragenden Gabelstapler und sogar HRL-Stapler, was bieten Sie an?

Unsere Spezialität sind kleine bis mittelgroße Transportsysteme von Kleinladungsträgern (KLT) bis Paletten. Fahrzeuge, die sehr nahe an Gabelstaplern sind, bieten wir derzeit nicht an.

  • Wie hoch ist die Fertigungstiefe, auf welche Komponenten bei Antrieb, Steuerung, Ladetechnik (induktiv?) Navigation/Kommunikation bauen Sie?

Wir haben im Haus keine hohe Fertigungstiefe. Wir entwickeln die Produkte und lassen die einzelnen Komponenten von ausgewählten Fertigungspartnern herstellen. Das gesamte Assembling erfolgt bei uns im Haus. Die Assemblierung geht hinunter bis zu den Getrieben und der Servo Hydraulik. Alle Elektronik-Komponenten inclusive der Akku-Einheiten, Kamerasysteme, Sicherheitstechnik werden von Sigmatek zugeliefert. Durch die räumliche Nähe der Firmen können wir hier zusätzliche Synergien generieren. So wird z.B. in Umlaufverpackungen direkt von der Sigmatek-Fertigung in unser Lager geliefert.  

  • Gibt es ein Baukastensystem aus dem Sie heutige und künftige Fahrzeuge generieren?

Ja, das ist eine der Stärken von Melkus Mechatronic. Wir haben von Beginn an nicht für ein ganz bestimmtes Fahrzeug entwickelt, sondern ein modulares System realisiert, aus dem mit wenig Konstruktionsaufwand sehr unterschiedliche Fahrzeuge gebaut werden können.

  • Arbeiten Sie an der VDI-Schnittstelle 5050 mit?

Derzeit noch nicht, Sigmatek wird aber als jahrzehntelanges VDMA-Mitglied zum Arbeitskreis dazustoßen. Sigmatek beliefert weltweit einige FTF-Hersteller mit Steuerungssystemen. Ein herstellerunabhängiges Leitsystem macht da als Komponente durchaus Sinn. Unser derzeitiges Leitsystem arbeitet nach einem sehr ähnlichen Prinzip, daher kommt die VDA 5050 unserer Philosophie sehr nahe.

  • Wie sind Beratung, Vertrieb, Implementierung, Service organisiert?

Da wir weltweit agieren, ist unser Vertriebssystem mehrstufig aufgebaut. Die Kundenprojekte werden daher in fast allen Fällen von lokalen Integratoren umgesetzt. Ein weiterer Markt sind für uns OEM-Hersteller, die entweder die Fahrzeuge von uns beziehen und mit etwas anderen Funktionen unter ihrem Namen anbieten, oder aus einem Rohfahrzeug ein ganz eigenes Fahrzeug bauen. Ein weiterer Kundentyp bezieht von uns Baugruppen und baut daraus komplett eigene Systeme.

Wir selbst wickeln jährlich einige Kundenprojekte ab und lernen so aus erster Hand die Marktbedürfnisse.

  • Welche Branchen und welche Anlagengrößen streben Sie an?

Wie schon oben beschrieben, liefern wir die meisten Fahrzeuge an Vertriebspartner und können daher in erfreulich hohen Stückzahlen produzieren, was natürlich unserem Ziel, die Preise kontinuierlich senken zu können, sehr entgegen kommt. Wo die Fahrzeuge eingesetzt werden, wissen wir daher in vielen Fällen gar nicht.

Die Anwendungen, die wir bis dato geliefert haben, reichen von Pharma, Kunststoff-Verarbeitung, Baustoffen und Packaging über Kosmetik, Internet-Handel, Lebensmittel bis hin zu Unterhaltungstechnik und Automotive … also quer durch alle Branchen.

  • Werden Ihre Produkte mit übergeordneten herstellerunabhängigen Systeme wie denn von Anronaut, DS, m3Connect und anderen zusammenarbeiten?

Wir arbeiten ohne Vorbehalte mit allen in der FTF Branche tätigen Unternehmen zusammen, wenn es gewünscht ist. Einige davon sind ja ohnehin Kunden.

  • Welche Zukunft hat das FTS nach Corona wenn sicher noch mehr auf Automatisierung gesetzt wird?

In Nach-Corona-Szenarien übertreffen sich unzählige Experten -mit wildesten Spekulationen. Ich will da nicht auch noch einen Teil dazu beitragen. Für mich ist klar, dass die Weltwirtschaft nach einem gehörigen wirtschaftlichen Dämpfer wieder weiterlaufen wird. Die Welt entwickelt sich nicht zurück, daher wird der Bedarf nach automatisierten Transport Systemen eher wachsen. Wir selbst sehen zu unserer Freude bereits jetzt wieder reges Interesse an unseren Systemen.   

  • Haben Sie Konzepte für FTS mit Roboterarm für den Sektor Co-Working mit dem Menschen im Blick?

Derzeit nicht konkret. Unsere Fahrzeuge haben Schnittstellen zu externer Peripherie integriert. Der Anschluss eines Roboter Armes ist daher keine große Sache. Sigmatek hat als Lieferant namhafter Roboter Hersteller auf diesem Gebiet sehr viel Know-how und gute Kontakte. Aber bei Melkus Mechatronic ist noch kein konkretes Projekt angefragt worden.

  • Wie einfach und schnell muss heute ein FTS-System in Betrieb genommen werden können um Hemmschwellen bei „menschlichen Kollegen“ und Betreiber abzubauen?

Hier klaffen Wunsch und Wirklichkeit noch sehr weit auseinander. Natürlich wäre es toll, wenn die Kunden die Fahrzeuge wie ein Kinderfahrrad im Internet ganz einfach bestellen würden. Die Inbetriebnahme eines unserer Fahrzeuge geht eigentlich sehr auspacken, Wlan-Adresse einstellen, eine Runde fahren, um die Umgebung „einzulernen“, Positionen „teachen“, Fahrwege im Leitsystem einzeichnen und schon geht es los. Wenn wir zu einem Kunden kommen, fährt normaler Weise das erste Fahrzeug innerhalb einer Stunde. Der Weg zu einer funktionsfähigen Anlage ist aber doch sehr viel komplexer. Es gilt Schnittstellen zur Auftragsgenerierung herzustellen Torsteuerungen zu integrieren und vieles mehr.

Die Hemmschwellen bei den Mitarbeitern abzubauen, ist ein wesentlicher Teil der Projekte. Immer wieder fürchten Mitarbeiter, dass hier gerade ihr Arbeitsplatz wegrationalisiert wird. Wir haben gelernt, dass eine FTS-Anlage nicht befriedigend funktioniert, solange sie von den Mitarbeitern nicht akzeptiert wird. Da haben wir leider schon Lehrgeld zahlen müssen.

Was wir grundsätzlich empfehlen, ist die Fahrzeuge nicht unnötig schnell und in vorhersehbaren „Wegen“ fahren zu lassen. Das nimmt sehr schnell die Furcht vor den Fahrzeugen.

Info: Melkus Mechatronic GmbH, 5110 Oberndorf, Tel. +43-664-788870913, www.melkus-mechatronic.com

Bilder: Melkus